Freitag, 8. mai 2009
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11:20
Letzte Woche bin ich in den Park gegangen. Ich glaube es war der 2. Mai, denn am Tag der Arbeit hatte
es ja gar so arg geregnet. Glücklicherweise machte das nichts, weil der 2. Mai ein Samstag war und noch dazu ein schöner. Gutes Wetter und so.
Nachdem ich einen Luftballon mit einer Gebetsbitte gen Himmel geschickt hatte, setzte ich mich auf einen beweglichen und reichlich rückenschädigenden Metallstuhl in der Nähe einer Fichte, setzte
an, die Sonnenstrahlen auf meiner Haut genießend, ein gutes Buch zu lesen (man muss immer dazu sagen, dass es ein gutes Buch ist, sonst erscheint das Idyll weniger …ähm… idyllisch) und schaute
hin und wieder über den Rand der Seiten zu einem Kinderspielplatz, auf dem sich eine beträchtliche Anzahl der kleinen Gesellen unter großem Hallo damit beschäftigten, Gerüste zu erklettern, auf
niedlichen Holzpferden auf und ab zu wippen oder, in einem Netz aus dicken, miteinander verspannten Seilen, Rat zu halten. Natürlich stets unter den wachsamen Blicken ihrer Erzeuger und
Erzeugerinnen. Ein Türkenjunge zog seiner Mutter frech das Kopftuch herunter, ein Mann stand mitten im Trubel und blies den Rauch seiner Zigarette den kindlichen Gipfelstürmern um die Nase und an
der Kettenschaukel mühte sich eine Gruppe Halbstarker, den voll mit kleineren Kindern besetzten Schaukelkorb in schwankender Bewegung zu halten.
Rechts von mir bemühten sich einige, gerade noch jugendlich wirkende, Erwachsene um das Treten eines Fußballs, von einem zum anderen. Wobei sie nicht selten eine komische Figur machten. Schon
erstaunlich, welchen Eifer manche Leute über 30 entwickeln, wenn es darum geht, sich unaufgewärmt und in unpassender Kleidung die Gelenke zu versauen.
Nur einige Seiten war ich vorangeschritten, als jäh die Stille unterbrochen wurde. Von einem nicht weit entfernten Platz, einer betonierten Fläche umrandet mit tribünenartig angelegten
Sitzblöcken, drangen fremdländisch anmutende Rhythmen an mein Ohr. Trommeln. Händeklatschen, hin und wieder Rufe menschlicher Stimmen. Ich hängte mein Hemd über die Lehne meines Stuhls und begab
mich in diese Richtung.
Es handelte sich um eine Art Festival. Gegen Rassismus. Es gab internationele Kuchen (ich kaufte einen Brownie), einen Stand für indische Fladen-mit-was-drin mit integrierter Gewürzteeausgabe und
eine afrikanische Trommelgruppe.
Der örtliche Capoeiraverein hatte seine Vorstellung wohl gerade beendet. Jedenfalls transportierten die (eher mickrig anmutenden) Vereinsangehörigen bereits ihre Congatrommeln wieder ab. Ich
persönlich finde Capoeira ja irgendwie bescheuert. Zwei Typen, angestachelt von einer Horde (a-)rhytmisch klatschender kniewippender Vereinsmitglieder, tanzen umeinander herum und schlagen Räder
und vollführen langsame Tritt und Schlagbewegungen. Warum können sich die beiden nicht einfach gegenseitig gehörig die Fresse polieren? Fänd ich viel spaßiger.
Wie dem auch sei, sie waren ja bereits fertig. Jetzt hatte die afrikanische Trommelgruppe zum Konzert angesetzt.
Afrika, das hab ich bei wikipedia nachgeschlagen, ist ein Kontinent. 14% der Weltbevölkerung leben dort. Äußerst heterogene Völker. Nun war dem Gründer dieser Trommelgruppe scheinbar gelungen,
was vorher niemandem gelungen war: All diese Völker zu einen und zu einer gemeinsamen, äußerst heterogenen Trommelgruppe zusammenzubringen. Ich lauschte den wuchtigen Klängen der Congas und
Bongos und Djembés, aß meinen Brownie, trank einen Nelkenblütentee aus einem Plastikbecher (der durch die Hitze verdächtig weich wurde) und fühlte mich der Welt offen.
Ich muss zugeben, ich hatte Vorurteile. Ja geradezu rassistische Vorurteile. Ich dachte immer: In Afrika. In Afrika, da gibt es nichts außer Hitze und Hunger. Aber ich hatte mich geirrt.
Jetzt weiß ich: In Afrika, da gibt es auch Trommeln! Und was für welche! Große Trommeln. Kleine Trommeln. Trommeln aus Holz und Metall. Bunt bemalte Trommeln...
Und nicht nur das! In Afrika gibt es auch Trommler! Große Trommler, kleine Trommler. Schwarze und Braune Trommler. Trommler mit bunten Kleidern und lustigen Hüten auf...
Ich bin glücklich, diese Erfahrung zu gemacht zu haben. Ich hatte ja keine Ahnung von der Vielfalt und dem Reichtum der afrikanischen Kultur!
Gedankenverloren kehrte ich zu meinem Stuhl bei dem Spielplatz zurück, zog mein Hemd an, warf den Plastikbecher und den Pappteller in einen Mülleimer und machte mich auf den Weg nach Hause.
Unterwegs ließ ich noch einen Ballon steigen.
Auf den Zettel schrieb ich: „Danke, lieber Gott, für die Vielfalt der Kulturen, die du geschaffen hast.“