Montag, 16. märz 2009 1 16 /03 /2009 21:37

Montagabends um 21:15 zeigt RTL „Rach der Restauranttester“. Das ist eine Infotainment Sendung über Rach, den Restauranttester.

Christian Rach ist hauptberuflich Koch. Sein Restaurant in Hamburg ist mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet und auch wenn „Rainer“, in seinem, vor Witz und satirischer Kreativität nur so sprühenden (Achtung: Ironie), „Lexikon der bösen Gedanken“ meint, dass das nichts glanzvolles sei, weil es ja in Deutschland satte 216 Restaurants gibt, die mit Sternen ausgezeichnet sind (von gefühlten 80.000), ist es doch ein Indiz dafür, dass er etwas von seinem Handwerk versteht.

Christian Rach testet also nebenberuflich Restaurants für RTL.


Restauranttesten geht so: Man geht in ein Gasthaus, dass von Menschen betrieben wird, die entweder griesgrämige Sauertöpfe, phlegmatische Lahmtüten oder Menschen sind, die gar keine Ahnung haben können, wie man ein Restaurant betreibt, weil sie Maurer oder Schreiner gelernt haben.

Dann bestellt man dort ein Gericht und findet raus, was mit dem Betrieb nicht stimmt. Entweder das Essen schmeckt nicht oder die Einrichtung ist scheußlich oder aber es riecht nach altem Fett.


Dann geht man in die Küche und guckt dem Koch etwa zwanzig Minuten kopfschüttelnd und mit gerunzelter Stirn und (echtem) Entsetzen in den Augen über die Schulter.

Jetzt bringt man dem Koch verschiedene Dinge bei. Wahlweise das Kochen oder aber auch das Putzen, die Organisation oder einfach die Grundlagen menschlicher Verhaltensweisen.


Anschließend betritt man wieder die Gaststube und beschließt, dass die Einrichtung runderneuert werden muss. „Das geht nicht von heute auf morgen aber irgendwo muss man mal anfangen“, klärt man auf.


Etwa in der Mitte der Sendung stellt man fest, dass der Chef das eigentliche Problem darstellt. Denn: „Alle sind mit vollem Eifer dabei, sind lernfähig, strengen sich an - nur der Chef sitzt in seinem Büro und grübelt vor sich hin. Dabei ist noch soviel zu tun.“

Man führt also ein ernsthaftes Gespräch mit dem Chef, der sich daraufhin einsichtig zeigt aber trotzdem nichts mit sich anzufangen weiß.


Eine Viertelstunde vor Schluss ist es dann soweit. „Die Gäste kommen“, sagt die Stimme aus dem Off, die alles kommentiert. Das Essen schmeckt plötzlich, die Einrichtung ist stimmig und die Regie spiel „Our House“ von Madness ein.

Nur der Chef hockt in seinem Kabuff und weiß nix mit sich anzufangen.


Zuletzt findet noch eine letzte konstituierende Sitzung statt, in der man noch mal allen erzählt, was sie zu tun haben. Auch dem Chef. 


Und dann ist es endlich soweit. Dann ist der Moment gekommen in dem Rach der Restauranttester den Satz der Sätze sagt. Der, auf den alle gewartet haben:

 

„Als ich hier ankam, war die >hier Name des Gasthauses einfügen< am Ende. Die Gäste blieben weg, das Essen war mittelmäßig und der ganze Laden roch nach ranzigem Frittenfett. Jetzt erstrahlt die >hier Name des Gasthauses einfügen< in neuem Glanz. Das Ambiente ist stimmig, die Bedienung freundlich und das Essen schmeckt auch richtig gut. Also in diesem Zustand, mache ich mir um dieses Gasthaus keine Sorgen mehr.“


Fünf Wochen später kommt man dann zurück in das getestete Restaurant und sieht, dass es gut war.

Ein echter Traumjob.


Seit ich diese Sendung das erste Mal gesehen habe, gehe auch ich gerne Restauranttesten. Aber ich teste nicht nur Restaurants. Auch Supermärkte, Garagenauffahrten oder Bahnhofsvorhallen.

Ich gehe also in so eine Bahnhofsvorhalle, kaufe eine Zeitung und nachdem ich festgestellt habe, dass es in der Pommesbude neben dem Brezelstand nach altem Fett riecht, beginne ich schon meine Verbesserungsmaßnahmen an den Mann zu bringen.


Zunächst mal gibt es in dieser Bahnhofsvorhalle viel zu viele Schilder. Werbeschilder für Pizzabaguettes, Ankunftspläne, Abfahrtspläne, Kaffeepreise überall stehen oder Hängen Botschaften rum: „Da findet man sich doch nicht zurecht!“, sage ich dem Mann am Informationsschalter. „Das muss viel schlichter gemacht werden. Weniger ist Mehr!“. Er schaut mich gelangweit an und fragt mich wo ich hin möchte. „Ganz recht“, antworte ich, „das ist die entscheidende Frage, wo Sie mit diesem Betrieb hinwollen. Was soll das hier sein? Eine Imbissstube? Eine Markthalle? Abenteuergastronomie?“


Ehe der Mann etwas erwidern kann, bin ich schon dabei im Geiste umzuräumen und Kommandos zu geben: „Diese große Anzeigetafel, die hängen wir draußen am Eingang groß auf. Und das war’s. Alles Andere kommt raus. Vorne stellen wir Tische und Stühle nach draußen, dass die Leute draußen sitzen können.“


Während ich in Gedanken "Mamma Mia" von Abba summe, fällt mein Blick auf das hintere Ende der Halle: „Das hier“, ich deute auf die verglasten Schwingtüren, die zu den Gleisen führen, „machen wir alles zu. Die Züge, der Lärm, das ist einfach kein schönes Ambiente, kein Flair. Die Leute sollen sich hier wohlfühlen, da stört das nur.“

Ein pyknischer Herr mit grauem Haar, hoher Stirn und etwas schiefem Gebiss schaut mich kritisch an: „Und wie sollen dann die Leute zu den Zügen kommen?“

Schon merke ich den typischen Widerstand der Alteingesessenen. ‚Wie immer! Verstaubt und verkalkt, wie dieses Gebäude’ denke ich und antworte: „Lieber Herr, wir müssen hier etwas anders machen. Wir können es nicht so lassen, wie es war, denn so wie es war hat es nicht funktioniert.“ Ich spreche ruhig und sehr deutlich. Aber mit Nachdruck.

„Ach“, sagt er, „das ergibt doch keinen Sinn! In Bensheim haben sie Türen zu den Gleisen am Bahnhof, in Weilheim haben sie Türen zu den Gleisen am Bahnhof, in Niederohmen haben sie Türen zu den Gleisen am Bahnhof und in Frankfurt gibt es noch nicht mal Türen, da fahren die Züge direkt in den Bahnhof rein!“

„Der Bahnhof von Frankfurt führt auch ein ganz anderes Konzept“, erwidere ich. Der Mann wendet sich kopfschüttelnd ab.


Ich gehe wieder zu dem Informationsschalter: „Wo ist denn eigentlich der Chef?“, frage ich.

„Wer?“

„Na, der Betreiber dieser Lokalität?“

„Der hat sich heute noch nicht Blicken lassen“, antwortet der Mann etwas verblüfft.

Das hätte ich mir denken können: „Alle sind motiviert und fleißig dabei, nur der Chef sitzt in seinem Kabuff und weiß nichts mit sich anzufangen.“


Gegen Ende bleibt mir doch nichts als einen Zug zu besteigen und abzufahren. Zwar konnte ich der Bahnhofsvorhalle den richtigen Weg zeigen, gehen muss sie ihn aber alleine. In ein paar Wochen werde ich wieder kommen und mir anschauen, was daraus geworden ist.


Während ich so in meinem Zug sitze, ein Pizzabaguette esse und mit einer Tasse Kaffee in der Hand das Innere des Waggons betrachte,  ertappe ich mich dabei, wie ich denke: „Bequeme Sitze, große Fenster, die viel Licht reinlassen, ein angenehmes Fahrgefühl… Also in diesem Zustand mache ich mir um dieses Abteil keine Sorgen mehr.

 

von CRE20bft
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