|
Zunächst ein paar Plattitüden: Die Mauer in den Köpfen muss weg. Wir
Deutschen müssen lernen wieder stolz auf unsere Nation (alternativ auch: Flagge, Hymne, Staat, Herkunft oder auch Hundescheiße) zu sein. Wir sind nicht mehr nur die Verlierer zweier
Weltkriege sondern ein verlässlicher Partner in der Staaten-gemeinschaft. Wir können alles schaffen, wenn wir nur lange genug üben. Wir sind wieder wer. Das war, in wenigen Worten
zusammen gefasst der Inhalt der Rede des Bundespräsidenten zum Festakt am 3. Oktober. In Hamburg. Wo sich ja im Moment auch alle einig sind. Passt also. Und? Stimmt! Jedenfalls
fast. Tatsächlich sind wir ziemlich super. Wir sind demokratischer als die USA, sozialer als Frankreich, reicher als England, klüger als Italien und beliebter als... manch... andere
Nationen. Ähem. Trotzdem scheinen die alle viel stolzer auf ihr Land zu sein als wir. Jedenfalls feiern die alle ihre Nationalfeiertage viel doller als wir. Warum? Sind die 68er
Schuld? Die Frage ist eigentlich, was man denn eigentlich feiern soll. Den Mauerfall oder die Einheit oder gleich die ganze Bundesrepublik? Tatsache ist, dass wir uns da nicht so
ganz einig sind. Die Wieder-vereinigung an sich kann wohl als Anlass zu einer großen nationalen Feierei nicht so ganz herhalten. Die Wessis haben sich darüber gefreut, dass die
Grenze aufging. Haben ihre Brüder aus dem Osten begrüßt und Willkommen geheißen aber sonst, hat sich für sie ja nicht viel geändert. Jedenfalls nicht unbedingt zum Guten. Die
Wiedervereinigung war für sie in erster Linie sehr teuer. Ansonsten sind sie arbeiten gegangen wie vorher, sind wählen gegangen wie vorher und haben auch gelebt wie zuvor. Was
gibt’s da groß zu feiern? Für sie war es nicht
|
|
die Geburtsstunde einer neuen Nation, die Befreiung von irgendeiner
Tyrannei oder Unterdrückung. Es war auch keine Kampf und keine große Anstrengung damit verbunden. Es ist passiert. Prima, aber sonst so? Bei den Ossis ist es wohl schon etwas
anders. Wegfall der SED-Diktatur, freie Rede, Reisefreiheit etc. Alles super und vor Allem, alles Dank ihrer Proteste, alles selbst geschafft. Aber irgendwie finden die das auch
nicht so unglaublich zum feiern. Vielleicht weil sie sich nicht „angekommen“ fühlen oder sogar das Gefühl haben betrogen worden zu sein. Weil sie sich eben fühlen wie Deutsche
zweiter Klasse oder es hat andere Gründe. Feiern sieht jedenfalls anders aus. Naja, kann man vielleicht nix machen. Warum auch? Wir sind eine Bundesrepublik. Bayern ist ja scheinbar
auch (bis letzten Sonntag) nie ein „normales“ Bundesland gewesen. Die Unterschiede machen’s also. Wieso dann eine Einheit feiern, die keiner so richtig zum feiern findet? Der
Mauerfall, das Ende der Teilung und damit insgesamt das Ende des (ersten) kalten Krieges. Das wäre ein Grund zum Feiern. Von der Bilateralen Belagerung zu einer Ära eines gesunden
multilateralen Misstrauens, das kann man feiern. Da fehlt aber irgendwie der politische Druck dahinter, dass wird nicht forciert und deswegen wird’s auch nicht bejubelt, sondern
eher begangen. Wir gedenken dem Ende des Ost-Blocks. Ist allerdings auch keine so richtige „Deutsch-Nationale“ Sache das mit dem kalten Krieg. Und die Bundesrepublik? Den
freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaat? Den sozialen Bundesstaat? Tatsächlich verwunderlich, dass der von den Deutschen nicht so geliebt wird wie die Franzosen ihre
Repüblic
|
|
Fronsäse lieben. Die Bundesrepublik ist toll. Mit das beste
Staatssystem, das auf der Erde so rumläuft. Freiheit und Demokratie verbunden mit einem Hohen Maß an Sicherheit, wirtschaftlicher Kraft und politischer Vernunft. Ehrlich, dieser
Staat ist toll. Nicht alles was er tut ist über jeden Zweifel erhaben. Keiner der Grundwerte, wie Demokratie oder Sozialstaat sind in perfekter Reinheit realisiert. Trotzdem läuft’s
doch und zwar besser als sonst irgendwo.
Und das sollen wir feiern. Das Hohe Lied singen von der Einigkeit, dem Recht und der Freiheit. Das sagt uns jedenfalls die Politik, denn Wir Sind Deutschland. Stimmt ja auch.
Die Frage ist nur, ob man das feiern muss. Ob man seinen Staat lieben muss. Oder ob es nicht reicht, wenn man hin und wieder anerkennt, dass er ganz in Ordnung
ist. Dass man ihm aber auch misstrauisch gegenüber bleibt. Das man glaubt, dass es noch besser gehen kann. Die Demokratie feiern wir am Wahltag, die Redefreiheit am Stammtisch, die
Pressefreiheit am Zeitungskiosk und den Sozialstaat wenn wir krank sind.
Wenn Deutschland, die Bundesrepublik so demokratisch und freiheitlich bleibt, wenn wir weiterhin ein verlässlicher Partner in der Weltgemeinschaft sind, moralisch integer und all
das, was wir laut Horst Köhler sind, kann es uns völlig Wurscht sein, wie die Amis, die Franzosen oder sonst wer ihre Nation feiern. Wir können doch genauso gut unseren eigenen
Geburtstag feiern und dabei Feuerwerk machen und uns gegenseitig busseln. Wir brauchen keinen Nationalfeiertag. Und schon gar nicht brauchen wir einen Tag der so heißt an dem aber
gar nicht gefeiert wird.
|